Meine erste Schulwoche ist schon vorbei... Der Schulstart verlief relativ aussergewöhnlich, bunt, laut und mit dem Kennenlernen einer weiteren argentinischen Tradition. Jeweils am Vorabend des ersten Schultages treffen sich die Leute der Abschlussklassen um in den "letzten, ersten Schultag" hineinzufeiern. Da ich meine "neue" Klasse noch nicht kannte und meine "alte" Klasse nicht so unternehmungslustig ist, haben meine Schwester und ich uns mit den Leuten einer anderen Schule um 12.00 Uhr nachts verabredet. Man trifft sich um die Nacht zusammen zu verbringen, zu trinken und vorallem um sich auf das letzte Schuljahr mit der beliebten Abschlussreise zu freuen.
In Argentinien ist es üblich, dass die Klassen im letzten Schuljahr in die südliche Stadt "Bariloche" verreisen. Bariloche ist ein touristischer Ski -und vorallem Partyort, das Stadtzentrum besteht aus einer Abwechslung von Disco, Hotel, Disco, Hotel, Disco und Hotel... Die Reise wird schon zwei Jahre vor Schulabschluss geplant, es wird eine Organisation gesucht, im Gegensatz zu den Maturareisen in der Schweiz werden die Klassen nämlich nicht von den Lehrern begleitet, durch Veranstalten verschiedenen Events wie Partys, Kuchenverkaufen, Autowaschen etc., wird das Geld für die Reise zusammengesammelt, es werden Fahnen und Kleider designt und noch eine Menge anderer Dinge geschieht vor dieser Reise. Der Aufenthalt in Bariloche besteht aus dem nächtlichen Ausgang in die verrücktesten Discos und den Exkursionen wie Skifahren, Schlittschuhlaufen, Schlitteln, Bergtouren usw. tagsüber. Die Landschaft in Bariloche wird oftmals mit der Schweiz verglichen, auch hat es dort eine Menge von "bernhardiner Sennenhunden", jedoch was die Sache mit dem Partymachen angeht, da kann die schöne Schweiz leider nicht so mithalten.
Nun ja, zurück zu der Sonntagnacht! Wir feierten mit den Leuten die dort waren, es war längst nicht nur eine Klasse, sondern es hatte noch drei bis vier weitere Klassen von verschiedenen Schulen, mit denen wir dort blieben, bis die Sonne den Tag einläutete. Um ca. 6.00 Uhr morgens ging ich nach Hause um in meine Schuluniform zu schlüpfen und dann machte ich mich, alleine, auf den Weg in meine neue Schule. Bei der Schule angekommen empfing mich einen Geruch an Rauchbomben, zusammen mit dem Klang von Trommeln und dem Geschrei von 90 betrunken und bemalten Schülern des Abschlussjahrganges. Ich wusste, ein Drittel von diesen Verrückten werden meine neuen Klassenkameraden sein! :) Es wurde gesungen und gejohlt, "Barilo, Barilo, Bariloche", die Strasse war gesperrt und eine Menge an Zuschauer hatte es auch schon. Jetzt musste ich es nur noch irgendwie unverletzt an der bunten Menschenmenge vor dem Eingang in die Schule hineinschaffen... Ich schlängelte mich von der Seite her in die Schule hinein und als ich geglaubt habe, lebend drinnen zu sein, wurde ich mit einem Seifenschaumspray von oben bis unten voll gekleckert. Ich sah aus wie ein Schneemann im Faltenrock! Nun ja, da ich ja nicht die einzige "unsaubere" Person gewesen bin, war das weiter nicht so schlimm...
Wir mussten uns jeweils in der Klasse reihenartig aufstellen, es wurde die argentinische Hymne gesungen und der Direktor hielt eine Begrüssungsansprache. Viel von dem Ganzen habe ich leider nicht mitbekommen, da es ganz schwierig war dem Geschehen weiter Vorne zu zuhören, währenddessen man zwischen Menschen mit Polenta und Mehl in den Haaren, welche pausenlos herumgelabert und die Hymne in völlig falschem Takt gesungen haben, stehen musste.
Nach 30 Minuten war der Begrüssungsakt auch schon vorbei und alle Schülern durften nach Hause gehen, was von meinem Vorteil war, da ich, so wie auch meine Jahrgangsstufekameraden, immer noch nichts geschlafen habe.
Am Dienstag und Mittwoch hatte ich schon mal keine Schule, da die Lehrer aller öffentlichen (!! hier hast du's Mama) Schulen einen angekündigten Streik durchführten, was hier übrigens öfters mal vorkommen wird.
Somit konnte man eigentlich nur den Donnerstag als richtiger "erster Schultag" benennen.
Die Schule ist sehr katholisch und patriotisch, wodurch auch die Flagge jeden Morgen gehisst und ein Gebet aufgesagt wird. Die drei Letztenjahrgangsklassen sind jeweils in drei "Richtungen" aufgeteilt: Bio/Chemie, Wirtschaft und Kunst. Ich habe mich einfach von Anfang an in die Kunstklasse gesetzt und so getan, als würde ich dort hingehören. Ich habe insgesamt 31 Mitschüler, Jungs und Mädels und bis jetzt scheinen die echt okay zu sein...
Die Fächer sind auch wirklich anders, wir haben von Design, Grafik, Architektur, Zeichnen bis zu Chemie, Psychologie, Englisch und Einiges, was ich noch nicht verstanden habe was es ist. Mathematik, Physik, Biologie, Geschichte und all das "normale Zeug" wird uns nicht (mehr) unterrichtet.
Das war nun also meine erste Schulwoche, ich hoffe das ihr euch nun ein Bisschen vorstellen könnt wie es hier schulisch zu und her geht. :)
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